Ver­let­zungs­wahr­schein­lich­keit und Trai­nings­be­las­tung: ein direk­ter Zusam­men­hang

Auf dem Platz sind Ver­let­zun­gen an der Tages­ord­nung. Dabei spielt es kei­ne Rol­le, ob pro­fi- oder ama­teur­mä­ßig gekickt wird. Wel­che Kör­per­tei­le sind am häu­figs­ten betrof­fen? Wel­che Fak­to­ren flie­ßen mit ein? Wir haben eini­ge inter­es­san­te Punk­te für euch her­aus­ge­grif­fen.

Was genau der Ein­zel­ne unter Ver­let­zung ver­steht ist sehr sub­jek­tiv, jedoch wird eine Ver­let­zung im Fuß­ball übli­cher­wei­se so defi­niert, dass das Spiel unter­bro­chen oder sogar abge­bro­chen wird und der Ver­letz­te nicht am Trai­ning oder wei­te­ren Spiel­ge­sche­hen teil­neh­men kann.

Abso­lu­te Num­mer Eins bei den im Fuß­ball von Ver­let­zung betrof­fe­nen Kör­per­tei­len ist der Ober­schen­kel, rela­tiv dicht gefolgt vom Knie. In der Bun­des­li­ga-Sai­son 2018/2019 lagen die Pro­zent­zah­len für Ver­let­zun­gen die­ser bei­den Struk­tu­ren bei 26,6% und 18,4%. Knö­chel- und Sprung­ge­lenk­ver­let­zun­gen lagen mit 13,3% auf dem drit­ten Platz. Unterschenkel‑, Rücken- und Fuß­ver­let­zun­gen folg­ten mit 9,6%, 7,5% bzw. 7,4%. Der Kopf war in 4,8% der Fäl­le betrof­fen. Unter 3% lagen die Ver­let­zun­gen bei: Hüf­te, Leis­te, Becken, Gesäß, Hand, Arm, Bauch, Brust, Schul­ter und Nacken (1).

Anstoß­zeit

Vie­le ver­schie­de­ne Fak­to­ren bedin­gen die Ver­let­zungs­ra­te von Spie­lern. Unter ande­rem die Ess- und Schlaf­ge­wohn­hei­ten, der Lebens­stil, die Psy­che und das Trai­ning. Inter­es­san­ter­wei­se scheint auch eine Kor­re­la­ti­on zwi­schen Anstoß­zeit und Ver­let­zungs­häu­fig­keit im Fuß­ball vor­zu­lie­gen. Dem­entspre­chend sind die Ver­let­zun­gen bei einer Anstoß­zeit um 18 Uhr mit 1,11 Ver­let­zun­gen pro Spiel am höchs­ten. Die nied­rigs­te Zahl von Ver­let­zun­gen pro Spiel tre­ten bei einem Anpfiff um 20 Uhr auf. Zu den Fak­to­ren, wel­che die Ver­let­zungs­ra­te der unter­schied­li­chen Anstoß­zei­ten bedingt, ist lei­der bis­her nichts bekannt.

Gra­fik: Ver­let­zun­gen nach Anpfiff (Modi­fi­ziert nach Fußballverletzungen.com)

Spit­zen­rei­ter Ober­schen­kel­zer­rung

Ver­let­zun­gen tre­ten häu­fi­ger im Wett­kampf als im Trai­ning auf. Durch­schnitt­lich gese­hen vier­mal so viel. Pro Sai­son erlei­det ein Spie­ler etwa zwei Ver­let­zun­gen, dem­entspre­chend tre­ten in einem Team von typi­scher­wei­se 25 Spie­lern etwa 50 Ver­let­zun­gen pro Sai­son auf. Die häu­figs­ten dabei auf­tre­ten­den Ver­let­zun­gen sind mus­ku­lä­rer Art — in all ihrer Viel­falt. Die Ober­schen­kel­zer­rung mit 17 Pro­zent aller Ver­let­zun­gen ist jedoch defi­ni­tiv der Spit­zen­rei­ter.

In 12 Pro­zent der Fäl­le tre­ten Ver­let­zun­gen an Muskel‑, Band- oder Gelenk­struk­tu­ren auf, die vor­her schon ein­mal betrof­fen waren. Übli­cher­wei­se ver­ur­sa­chen die­se Wie­der­ver­let­zun­gen eine höhe­re Abwe­sen­heits­zeit als Erst­ver­let­zun­gen. Im Schnitt fällt ein Spie­ler bei einer Wie­der­ver­let­zung 24 Tage aus, wäh­rend er bei einer Erst­ver­let­zung etwa 18 Tage abwe­send ist. Abge­se­hen von den mus­ku­lä­ren Ver­let­zun­gen tre­ten Prel­lun­gen, Ent­zün­dun­gen aber auch Erkäl­tun­gen und Kno­chen­brü­che auf. Die Hälf­te aller Ver­let­zun­gen sind soge­nann­te „non-con­ta­ct“ Ver­let­zun­gen, also Ver­let­zun­gen ohne Fremd­ein­wir­kung (2).

Ver­let­zungs­wahr­schein­lich­keit

Wann Ver­let­zun­gen genau auf­tre­ten ist ein wei­te­rer inter­es­san­ter Punkt. Die Ver­let­zungs­ten­denz nimmt über die Zeit hin­weg zu und das sowohl in der ers­ten als auch in der zwei­ten Spiel­hälf­te. Trau­ma­ti­sche Ver­let­zun­gen und Ober­schen­kel­mus­kel­zer­run­gen tre­ten häu­fi­ger wäh­rend der Spiel­sai­son auf. Ver­let­zun­gen, wel­che durch eine Über­be­las­tung bedingt sind, tre­ten eher wäh­rend der Vor­be­rei­tung auf (2). Offen­sicht­lich besteht ein Zusam­men­hang zwi­schen dem Ver­hält­nis von kurz­fris­ti­ger und lang­fris­ti­ger Belas­tung und dem Ver­let­zungs­ri­si­ko. Die Inten­si­tät des Trai­nings hat dem­entspre­chend einen Ein­fluss auf das Ver­let­zungs­ri­si­ko. Trai­ning über einen län­ge­ren Zeit­raum mit sehr hohen Inten­si­tä­ten, erhö­hen die Wahr­schein­lich­keit einer Ver­let­zung wäh­rend eines Spiels, jedoch nicht wäh­rend des Trai­nings an sich. Eine Absen­kung der Ver­let­zungs­zahl bei kom­pe­ti­ti­ven Spie­len, wäre dem­entspre­chend mög­lich, wenn sich der Fokus ver­la­gern wür­de. So ist es wich­tig, sich auf die Trai­nings­in­ten­si­tät und ‑dau­er über einen gewis­sen Zeit­raum zu kon­zen­trie­ren, um poten­ti­el­le Ver­let­zun­gen durch Fati­gue oder Über­be­las­tung zu ver­mei­den. Zudem ist es aus­schlag­ge­bend, den Zeit­punkt der opti­ma­len Trai­nings­be­las­tung zu erken­nen, zu dem Adap­ti­on statt­fin­det, jedoch ohne das Risi­ko einer poten­ti­el­len Ver­let­zung zu erhö­hen (3).

Trai­nings­be­las­tung

Nicht nur wir inter­es­sie­ren uns für den Zusam­men­hang zwi­schen dem Ver­hält­nis von kurz­fris­ti­ger und lang­fris­ti­ger Belas­tung und dem Ver­let­zungs­ri­si­ko. Die­ses The­ma beschäf­tigt Sport­wis­sen­schaft­ler welt­weit. Im pro­fes­sio­nel­len Mann­schafts­sport ist das Über­wa­chen der Trai­nings­be­las­tung zur Ver­let­zungs­prä­ven­ti­on Stan­dard. Geach­tet wird hier vor­ran­gig auf das rich­ti­ge Ver­hält­nis zwi­schen kurz­fris­ti­ger und lang­fris­ti­ger Trai­nings­be­las­tung. Die­ses Ver­hält­nis, die soge­nann­te „acu­te : chro­nic workload“ steht in direk­ter Kor­re­la­ti­on zu dem Ver­let­zungs­ri­si­ko von Sport­lern. Die Über­wa­chung die­ses Ver­hält­nis­ses wird her­an­ge­zo­gen, um die Ver­let­zungs­an­fäl­lig­keit ein­zu­schät­zen. Bewegt sich der Ver­hält­nis­wert zwi­schen 0,8 und 1,3 wird das Ver­let­zungs­ri­si­ko als gering ein­ge­stuft. Über­schrei­tet er jedoch den Wert 1,5, ver­dop­pelt sich das Ver­let­zungs­ri­si­ko des Sport­lers sogleich (4 ‚5, 6, 7). Ob sich die Ver­let­zungs­an­fäl­lig­keit bei einem Belas­tungs­wech­sel von Woche zu Woche erhöht, dar­über gibt es geteil­te Mei­nun­gen. Zudem konn­te bis­her nicht ein­deu­tig gezeigt wer­den, ob bei einem Belas­tungs­ver­hält­nis­wert, der zwi­schen 1 und 1,25 liegt, ein prä­ven­ti­ver Schutz vor Ver­let­zun­gen vor­liegt (5).   

Abschlie­ßend lässt sich sagen, dass man grund­sätz­lich nicht vor­her­se­hen kann, ob und wann sich ein Spie­ler ver­let­zen wird. Auch wenn all­ge­mein bei einem erhöh­ten Ver­hält­nis­wert der „acu­te : chro­nic workload“ ein höhe­res Ver­let­zungs­ri­si­ko vor­liegt, so ist dies kein ein­deu­ti­ger Richt­wert, um Ver­let­zun­gen gänz­lich vor­zu­beu­gen. Es ist viel­mehr essen­zi­ell jeden Ein­zel­spie­ler indi­vi­du­ell zu ana­ly­sie­ren, anhand des Moni­to­rings zu betrach­ten und dar­auf basie­rend Ent­schei­dun­gen hin­sicht­lich der Trai­nings­in­ten­si­tät und Dau­er zu tref­fen, um das Risi­ko von Ver­let­zun­gen zu mini­mie­ren.

Genug der Kabi­nen­an­spra­che. In die­sem Sin­ne ver­ab­schie­de ich mich: Möge der nächs­te Ober­schen­kel-Mus­kel­fa­ser­riss aus­blei­ben!

  1. Bun­des­li­ga 2018/19: Wel­che Kör­per­tei­le waren am häu­figs­ten betrof­fen? 2020. https//www.Fußballverletzungen.com. Online Zugriff am 29.03.2020.
  2. Ekstrand J, Hägg­lund M, Wal­dén M. 2009. Inju­ry inci­dence and inju­ry pat­terns in pro­fes­sio­nal foot­ball – the UEFA inju­ry stu­dy. Br J Sports Med.; 45(7):553–8.
  3. Owen AL, et al. 2015. Heart rate–based trai­ning inten­si­ty and its impact on inju­ry inci­dence among eli­te-level pro­fes­sio­nal soc­cer play­ers. J Strength Cond Res; 29(6): 1705–1712.
  4. Hulin BT, et al. 2016. Low chro­nic workload and the acu­te: chro­nic workload ratio are more pre­dic­ti­ve of inju­ry than bet­ween-match reco­very time: a two-sea­son pro­spec­ti­ve cohort stu­dy in eli­te rug­by league play­ers. Br J Sports Med.; 50(16): 1008–1012.
  5. Malo­ne S, et al. 2016. The acu­te: chro­nic workload ratio in rela­ti­on to inju­ry risk in pro­fes­sio­nell soc­cer. J Sci Med Sport.; 20(6): 561–565.
  6. Mur­ray NB, et al. 2016. Indi­vi­du­al and com­bi­ned effects of acu­te and chro­nic run­ning loads on inju­ry risk in eli­te Aus­tra­li­an foot­bal­lers. Scand J Med Sci Sports.; 27(9):990–998.
  7. Weiss KJ, Allen SV, McGu­i­gan MR, What­man CS. 2017. The rela­ti­ons­hip bet­ween trai­ning load and inju­ry in men’s pro­fes­sio­nal Bas­ket­ball play­ers. Int J Sports Phy­si­ol Per­form.; 12(9):1238–1242.

Gefällt dir dieser Artikel?

Share on facebook
Teilen auf Facebook
Share on twitter
Teilen auf Twitter
Share on linkedin
Teilen auf Linkdin
Share on pinterest
Teilen auf Pinterest